Gründe für die Anerkennung
Warum sollte Jiddisch offiziell als eine der Minderheitensprachen in Deutschland anerkannt werden?
1. Jiddisch entstand in den deutschsprachigen Gebieten Europas
Durch den Kontakt mit dem Mittelhochdeutschen hat die jüdische Bevölkerung vor circa 1000 Jahren eine eigene Sprache herausgebildet. Die jahrhundertelange gemeinsame Vergangenheit hat immer wieder Spuren in beide Richtungen hinterlassen, beide Kulturen und Sprachen durchdringen einander und sind bis heute aufeinander bezogen. Durch die Migration jüdischer Menschen nach Osteuropa veränderte sich das Jiddische, doch blieb der germanische Wortschatz stets konstitutive Basis der Sprache.

2. Jiddisch ist seit seinen Anfängen niemals aus Deutschland verschwunden
Trotz der wechselvollen deutsch-jüdischen Geschichte zwischen Phasen der Annäherung und der Verfolgung - bis hin zur Shoah - wurde Jiddisch in Deutschland stets gesprochen und war kulturelle Heimat vieler Jüdinnen und Juden – und blieb es bis heute.

3. Jiddische Sprache und Kultur lebt auch heute
Auch heutzutage ist Jiddisch lebendiger Bestandteil der kulturellen Vielfalt in Deutschland. Mit dem Klezmer Revival in der Liedermacher:innen-Szene der 1980er Jahre erfuhr die jiddische Sprache einen Aufschwung. In den 1990er Jahren brachten jüdische Migrant:innen der ehemaligen Sowjetrepubliken ihr Jiddisch nach Deutschland und auch heute spielt Jiddisch weiterhin eine wichtige Rolle für die jüdische Gemeinschaft. Jiddische Kultur inspiriert Künstlerinnen und Künstler, Jiddisch wird von Wissenschaftler:innen erforscht und erfährt großes Interesse von jüdischen und nicht-jüdischen Menschen gleichermaßen bei Musikfestivals, Sommerkursen und an Volkshochschulen.

4. Deutschlands historische Verantwortung gegenüber Jiddisch als Sprache
Vor der Shoah sprach die überwältigende Mehrheit des europäischen Judentums Jiddisch: Heutzutage das Jiddische zu fördern, die Sprache der Überlebenden und ihrer Nachfahren, heißt nicht nur, ein kulturelles Erbe zu bewahren, sondern ermöglicht eine aktive und lebensbejahende Auseinandersetzung mit der Vielfalt dieses Erbes. Nicht zuletzt wird so die klaffende Lücke, die der Holocaust hinterlassen hat, wieder langsam mit Leben gefüllt.

5. Bewusstsein für das Jiddische schaffen
Dass Jiddisch als Alltagssprache vor dem 2. Weltkrieg einen so hohen Stellenwert hatte, wird bis heute in zahlreichen Museen, im Rahmen von Gedenkstätten oder anderen Arten der Geschichtsvermittlung nicht ausreichend dargestellt. Jiddisch war und ist jedoch unverzichtbarer Bestandteil der jüdischen Kultur und trägt maßgeblich zum Verständnis von deren Geschichte in Deutschland bei.

6. Europäische Institutionen und Wissenschaft haben die Bedeutung des Jiddischen bereits anerkannt
Acht Mitgliedsstaaten des Europarats haben Jiddisch bereits als Minderheitensprache anerkannt. 1996 empfahl der Europarat darüber hinaus, dass Deutschland eine besondere Rolle für Erhalt und Förderung der jiddischen Sprache und Kultur übernehmen sollte. Eine offizielle Anerkennung als Minderheitensprache in Deutschland würde dem Rechnung tragen.

7. Die Anerkennung des Jiddischen als Bekenntnis zur sprachlichen Vielfalt in Deutschland
Deutschland hat in den letzten 30 Jahren ein tragfähiges Netzwerk für seine sieben anerkannten Minderheitensprachen aufgebaut. Die Aufnahme des Jiddischen in dieses Netz würde Deutschlands Bekenntnis zu seiner sprachlichen und kulturellen Vielfalt unterstreichen.

8. Eine Anerkennung würde die deutsche Zivilgesellschaft nachhaltig stärken und bereichern
Jiddisch staatlich zu fördern bedeutet, in Deutschlands kulturelle Vielfalt zu investieren, einen wichtigen Teil des transnationalen europäischen Kulturerbes und Kulturtransfers lebendig zu halten, aber auch interkulturelles Wissen und Einfühlungsvermögen in einer globalen Welt zu fördern.

9. Eine Anerkennung würde den Zugang zu Sprachunterricht erleichtern

Die Möglichkeiten, Jiddisch als lebendige Sprache zu lernen und zu praktizieren, sind in Deutschland sehr begrenzt. Einerseits mangelt es an immersiven Räumen, in denen das Jiddische lebendig und alltagsbezogen praktiziert werden kann. Hinzu kommt, dass es bisher kein umfangreiches deutsch-jiddisches Wörterbuch gibt und zu wenige deutschsprachige Lehrmaterialien. Die vorhandenen Kurse sind daher nicht genug an ein deutschsprachiges Publikum angepasst, da die Verbindungen zwischen Deutsch und Jiddisch nicht ausreichend behandelt werden. Das Erlernen der Sprache erfolgt oftmals über eine Drittsprache, z. B. Englisch oder Französisch. Besonders Kinder, Jugendliche und ältere Menschen werden dadurch benachteiligt. Auch in Deutschland sollte es die Chance geben, Jiddisch lernen zu können. Dies betrifft auch und besonders den Spracherwerb im Kindergarten-, Grundschul- und Schulalter.

10. Jiddisch verdient eine blühende Zukunft, nicht nur ein historisches Erbe
In Deutschland gibt es eine blühende und wachsende Kulturszene, die Jiddisch als Medium für Literatur, Kunst, Musik, Film und Theater nutzt und sich über diese Sprache ausdrückt. Im Rahmen dieser Aktivitäten wird dessen Weitergabe und Transformation gepflegt und so ein immaterielles Erbe für kommende Generationen zugänglich gemacht.
Diese Grassroot-Initiativen fallen oftmals durch das Raster der Förderstrukturen - speziell jener der Erinnerungskultur und der Förderung jüdischen Lebens.
Dabei verdient die Pflege des jiddischen Kulturerbes die Anerkennung Deutschlands und seine Unterstützung - nicht nur aus historischer Verantwortung oder als Förderung des Fortbestands religiöser und kultureller Praxis, sondern auch als gemeinsames deutsches und europäisches Erbe. Hieraus erwächst eine Verantwortung, die der Erinnerung eine lebendige Zukunft gibt.
Kontakt
Email: info@jiddischjetzt.de
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