Unsere Vision
Die offizielle Anerkennung ist die notwendige Grundlage dafür, dass sich Jiddisch als lebendige Sprache in Deutschland weiterentwickeln kann. Wir stellen uns eine Zukunft vor, in der Jiddisch nicht länger fast ausschließlich vom Engagement Ehrenamtlicher und kurzfristigen Projektförderungen getragen wird, sondern die langfristige institutionelle Unterstützung erhält, die für seine Weitergabe und Weiterentwicklung erforderlich ist.

Zu dieser Zukunft gehören:
Bildung
Eine lebendige Sprache braucht die Möglichkeit, in jedem Lebensalter gelernt und genutzt zu werden. Deshalb setzen wir uns ein für:

  • Frühkindliche Bildungsangebote, einschließlich bilingualer Kindergärten dort, wo Bedarf besteht,
  • Jiddischunterricht an Schulen, sowie außerschulische Angebote,
  • Ausbau universitärer Studienangebote und dauerhafte Professuren für jiddische Sprache, Literatur und Kultur,
  • Ausbildung künftiger Jiddischlehrkräfte,
  • Lehr- und Lernmaterialien für Deutschsprachige, darunter Wörterbücher, Lehrbücher und leicht zugängliche Einführungen in die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Deutsch und Jiddisch,
  • Möglichkeiten, weitere Fächer und Disziplinen auf Jiddisch zu studieren oder zu unterrichten,
  • niedrigschwellige Angebote für Erwachsene, Jiddisch neu zu erlernen oder die Sprache wiederzuentdecken.

Kultur
Jiddisch ist nicht nur eine Sprache der Erinnerung – Jiddisch ist eine Sprache zeitgenössischer Kreativität. Eine Anerkennung soll ermöglichen:

  • Verlässliche institutionelle Förderung jiddischer Kulturorganisationen,
  • Entstehung neuer Literatur, Theaterstücke, Musik, Filme und bildender Kunst auf Jiddisch,
  • Erhalt und Vermittlung des jiddischen Kulturerbes,
  • Besseren Zugang für die jiddische Gemeinschaft zu den in deutschen Archiven und Museen bewahrten Beständen durch Digitalisierung und frei zugängliche Angebote,
  • Förderung von Festivals, Ausstellungen, Aufführungen und zivilgesellschaftlichen Kulturinitiativen.
Verlagswesen und Medien
Eine lebendige Sprache braucht Bücher, Zeitungen und digitale Medien. Heute gibt es in Deutschland keine eigenständigen jiddischsprachigen Presseorgane, obwohl Entwicklungen aus Deutschland regelmäßig von internationalen jiddischen Medien wie Forverts, In geveb oder Afn Shvel aufgegriffen werden. Gleichzeitig hat sich Deutschland zu einem wichtigen Standort neuer jiddischer Literatur entwickelt – ohne dass es hier einen jiddischen Literaturverlag gäbe.
Das möchten wir ändern. Wir setzen uns ein für

  • mindestens einen jiddischen Verlag und eine regelmäßig erscheinende jiddische Zeitschrift in Deutschland – nach dem Vorbild anderer europäischer Länder wie Schweden oder Polen, in denen Jiddisch als Minderheitensprache anerkannt ist,
  • mehr literarische Übersetzungen zwischen Jiddisch und Deutsch,
  • jiddischsprachigen Journalismus, etwa in Form einer Zeitung, eines Radioprogramms oder eines Magazins,
  • digitale Medien, Podcasts und weitere zeitgemäße Kommunikationsformate.
Gemeinschaftliches Leben
Eine Sprache lebt davon, dass Menschen sie im Alltag sprechen können. Die Anerkennung soll dazu beitragen, die sozialen Strukturen zu stärken, die jiddischsprachige Gemeinschaften wachsen und sich vernetzen lassen. Dazu gehören:

  • Förderung jiddischsprachiger Gemeinschaftsorganisationen,
  • Gesprächsgruppen, Vereine und kulturelle Veranstaltungen,
  • Jugend- und Familienangebote auf Jiddisch,
  • Bundesweites Netzwerk, das Sprecher, Lernende und Kulturinitiativen miteinander verbindet.
Forschung und Wissenschaft
An mehreren Universitäten in Deutschland wird bereits zu Jiddisch geforscht und gelehrt. Die Schwerpunkte liegen häufig auf der mittelalterlichen jüdischen Geschichte, der Schoah und dem Antisemitismus. Neben dieser unverzichtbaren Forschung braucht eine lebendige jiddische Sprachgemeinschaft jedoch auch eine praxisorientierte Wissenschaft, die sich mit der Gegenwart und Zukunft des Jiddischen befasst – vergleichbar mit den universitären Strukturen für die anderen anerkannten Minderheitensprachen Deutschlands.
Wir setzen uns ein für:

  • Stipendien und Austauschprogramme, die Studierenden ermöglichen, ihre Jiddischkenntnisse zu vertiefen,
  • Soziolinguistische Forschung zur Entwicklung des Jiddischen im Austausch mit anderen marginalisierten Sprachen (etwa dem Romanes) mit dem Ziel, erfolgreiche Strategien zur Sprachrevitalisierung zu entwickeln.
Sichtbarkeit im öffentlichen Raum
Jiddisch soll einen selbstverständlichen Platz im öffentlichen und kulturellen Leben Deutschlands einnehmen. Das möchten wir erreichen:

  • Stärkere Präsenz des Jiddischen in Museen und Gedenkstätten,
  • Größeres öffentliches Bewusstsein für die Bedeutung der jiddischen Sprache in der jüdischen Geschichte Deutschlands,
  • Förderung öffentlicher Veranstaltungen und Bildungsprogramme,
  • Höhere Sichtbarkeit des Jiddischen im öffentlichen Raum, beispielsweise durch jiddischsprachige Beschilderungen an Orten, die für das jiddische Kulturerbe und das heutige jiddische Leben von besonderer Bedeutung sind,
  • Anerkennung des Jiddischen als unverzichtbaren Bestandteil des kulturellen Erbes Deutschlands und seiner gegenwärtigen Kulturlandschaft.




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